Sunday, June 7, 2015

Vieeel erlebt - Teil 4

02.06. - Sommerurlaub

Wir hatten unsere Reiseführer, Dumont und Baedeker, durchblättert und blieben am Ort/Enklave/Flecken Djupavik hängen, in dem es eine alte Heringsfabrik gibt, einstmals das größte Betongebäude Islands. Noch ein Stückchen weiter Richtung Norden und von der Zivilisation weg sollte es auf den Klippen einen Hot Pot geben, also hatten wir unseren Umweg des Tages gefunden.

Zunächst machten wir auf unserem Weg dahin aber spontan Halt in Laugarhöll, was mehr oder weniger nur aus einem Hotel und einen Pool, gespeist aus einer warmen Quelle, besteht.


Zum Halt animiert hatte uns ein Hinweisschild auf das Sorcerer´s Cottage, Kotbyli Kuklaraus, das Hexerhaus. Klingt viel mystischer als es eigentlich ist. Tatsächlich ist es nämlich ein wiederaufgebautes typisches isländisches Bauernhaus, das aber deutlich kleiner als Glaumbaer ist und damit in seiner Größe und Ausstattung eher repräsentativ für die Lebensverhältnisse der Mehrheit der Bevölkerung. Aus diesen Reihen stammten hauptsächlich diejenigen, die im Rahmen der auch auf Island wütenden Hexenverfolgungen geschlagen oder verbrannt wurden, weil sie abergläubig waren und einfache Zauberei betrieben. Wie der Infotext es so treffend sagte, in diesen harten und unwirtlichen Lebensbedingungen ist es nicht einfach zu überleben.






Dann ging es über die 643 entlang der Strandirküste bei Sturm und Schnee nach Djupavik. In meinem Reisetagebuch habe ich "sehr schwierige Straßenverhältnisse" notiert. Die 643 ist dort eine knapp zweispurige Schotterpiste, auf einer Seite Berg und/oder Geröll, auf der anderen Seite das tosende Meer. Malerisch in Schrittgeschwindigkeit.

Nach einer spitzen Linkskurve erblickten wir einen endlos langen Schornstein mit dem verfallenden Betriebsgebäude. Wenn irgendetwas das Ende der Welt symbolisieren kann, dann dieser Anblick. Ich hatte beide Hände am Steuer und verschwendete keinen Gedanken an meinen Fotoapparat. Einen Gedanken hatte ich - nach dieser Quälerei sollte es hier besser irgendeine Menschenseele, meinethalben auch einen Geist, geben, der uns in dieses Gebäude lässt.

Eine Menschenseele gab es, Claus, der gerade im Inneren der Fabrik eine Fotoausstellung vorbereitete. Wir kamen ins Schwätzen und obwohl es eigentlich erst in zwei Stunden eine lange Führung geben sollte, gab er uns eine kurze Führung, die dann auch immerhin eine Stunde dauerte.

Die Fabrik wurde zur Hochzeit des Heringsbooms in den Dreißigern errichtet und war seinerzeit das größte Betongebäude Islands. Alles Baumaterial wurde übers Wasser herangeschafft, die "Straße" gab es damals noch nicht. Nachdem die Heringsschwärme weitergezogen waren und das Geschäft bergab ging, wurde das Gebäude bereits in den Fünfzigern aufgegeben. In den Achtzigern erwarb ein Ehepaar das Gebäude, in dem die Fabrikarbeiterinnen untergebracht wurden, und richtete dort ein Hotel ein, das man mit Fug und Recht als letzten heimeligen Ort vorm Ende der Welt bezeichnen kann. Außerdem erwarben sie die Fabrik und verlangsamen seitdem den Verfall.








Auf dem Gelände gibt es auch drei riesig große Tanks, in denen der Heringstran eingelagert wurde. Zum Besichtigen steigt man mit den Füßen voran durch dieses kleine Loch.


Innen hat man diesen Anblick und eine perfekte Akustik.


Claus ist Deutscher, der mittlerweile auf Island wohnt und seit 10 Jahren jeden Sommer in Djupavik ist, im Hotel aushilft, fotografiert und das Kulturleben dort organisiert. Er ist der Kopf hinter der jährlich in der Fabrik stattfinden Ausstellungen Steypa, isländisch für Beton. Wir folgten ihm kurz ins Hotel zum Aufwärmen. Netterweise überprüfte er für uns die Straßenverhältnisse für den Rest unserer Tagesstrecke. Zunächst hatten wir auf dem Weg zurück aus Djupavik, die Weiterfahrt an den Hot Pot hinter dem Ende der Welt strichen wir, diesen Anblick auf der Straße, in der Annahme, dass es nicht schlimmer kommen könne:


Dann fuhren wir über die Steingrimsfjardaheidi auf die Westseite der Westfjorde... und ich stellte, dass es auf Islands Straßen durchaus immer noch schlimmer kommen kann. Schneesturm am 02. Juni, in meinem Sommerurlaub. Ich bin Großstadtkind, wenn ich Schnee sehe, freue ich mich, aber setze mich nicht ins Auto! Hier setze ich mich nicht nur ins Auto, sondern fahre auch noch.

Aber auch das ging vorüber, in Sudavik machten wir Halt im Polarfuchsmuseum und landeten schließlich an einem anderen Ende der Welt, in Sudureyri, unserem Heim für die nächsten zwei Nächte. Ein kleines Fischerörtchen am Ende eines Fjordes mitten im Nirgendwo mit einem guten Restaurant.

Statistik: Fosse: 0, Anhalter: 0, Hot Pots: 0, km-Stand: 2.983,2

No comments:

Post a Comment